Rosina Schneider: „Ich mag es eher, nicht in der Favoritenrolle zu stecken“
Rosina, 8,02 Sekunden in Karlsruhe, 7,99 in Erfurt - Du hast zweimal die Norm für die Hallen-Weltmeisterschaften geschafft. Warst Du überrascht?
Rosina Schneider: Eigentlich nicht so sehr. Die Vorbereitung war richtig ruhig. Ich war nicht verletzt, ich war nicht krank, wir konnten den gesamten Winter gut trainieren. Ich wusste, dass ich gut drauf bin.
Training ist das eine, Wettkampf das andere.
Rosina Schneider: Richtig. Die 8,02 Sekunden in Karlsruhe waren zum ersten Mal in einem Gold-Meeting. Und das war ein Tag vor der ersten Prüfung in diesem Semester an der Uni. Mein Kopf war richtig beschäftigt. Erst im Ziel habe ich realisiert: 8,02 – Hallen-WM-Norm. Ich wusste, dass ich in diese Richtung würde laufen können, aber ich wusste nicht, wann es passieren würde. Dass ich als erste Deutsche in dieser Saison vorne wegpreschen konnte, war schon cool.
Haben Du und Dein Trainerteam gegenüber den vergangenen Jahren etwas verändert?
Rosina Schneider: Diesen Winter haben wir es etwas langsamer angehen lassen, ich bin in ein Schnelligkeitstraining gewechselt, damit ich auch noch in der Freiluftsaison peaken kann. Trotzdem habe ich damit gerechnet, dass in der Halle irgendwann die 7 davor steht.
Wie sieht konkret Dein Training aus?
Rosina Schneider: Wir haben den Trainingsumfang auf teilweise zwei Einheiten am Tag erhöht. Und neue Reize gesetzt. Das Krafttraining ist etwas intensiver geworden. Weil ich letztes Jahr am Start ein bisschen geschlafen habe, lag darauf ein Schwerpunkt. Neu eingebaut haben wir Unterstützungsläufe. Das heißt, dass ich von einem Seil über kleine Hütchen gezogen werde. Das bringt mir brutal viel in der Frequenz. Und weil ich letzten Sommer öfter mal an der achten, neunten Hürde meine Technik vernachlässigt habe und voll in die Hürde reingelaufen bin, haben wir an der, ich nenne es mal, Hürdenausdauer, gearbeitet.
Zu den Deutschen Hallen-Meisterschaften reist Du mit welchem Ziel?
Rosina Schneider: Das Ziel ist schon der Titel. Vor einem Jahr bin ich bei den Deutschen in Dortmund wegen einer Hunderstelsekunde Zweite geworden.
Damals warst Du als Deutsche Meisterin 2024 die Titelverteidigerin.
Rosina Schneider: Ja. Jetzt kommt mir zugute, dass ich das nicht bin. Und in Erfurt war Marlene Meier zwei Hundertstelsekunden schneller. Die Augen sind jetzt mehr auf Marlene als auf mich gerichtet. In Erfurt hatte ich mich kurz geärgert, dann aber gesagt: Gar nicht so schlecht, jetzt gehe ich nicht als Jahresbeste in die Meisterschaften. Ich mag es eher, von hinten anzugreifen und nicht in der Favoritenrolle zu stecken.
Diese Rolle hat jetzt Marlene Meier (TSV Bayer 04 Leverkusen)?
Rosina Schneider: Marlene ist zwei Jahre älter, hat schon mehr Hürdenerfahrung als ich. Und man darf nicht vergessen, dass ich bei den Wettkämpfen immer die Jüngste bin. Aber wir mögen die Battles zwischen uns. Weil wir uns so gut battlen können, entstehen auch so gute Zeiten. Am Ende gewinnt die Bessere. Das kann von der Tagesform abhängig sein.
Wie ist Dein Verhältnis zu Marlene Meier?
Rosina Schneider: Ich mag Marlene total, sie ist menschlich sehr nett. Ihre ganze Familie, also Mutter Heike Henkel und Vater Paul, ist sehr herzlich. Im Wettkampf ist sie immer sehr fokussiert, aber wenn ich mich außerhalb mit ihr unterhalte, wir waren ja auch bei der Hallen-EM in Appeldorn gemeinsam auf einem Zimmer, da ist sie offener und anders.
Kannst du dir dieses Auf-den-Wettkampf-fokussiert-sein abschauen und übernehmen?
Rosina Schneider: Tatsächlich übernehme ich eher selten die Taktiken meiner Gegnerinnen. Ich gehe lieber meinen eigenen Weg. Marlene hilft das Fokussieren. Ich bin da ein anderer Typ. Mir hilft es eher, mich mit Menschen zu unterhalten. Das lenkt mich von der Aufregung ab. Ich grüße vor dem Wettkampf jeden, rede viel und mache auch mal Witze. Das bringt mich selbst runter. Viele sagen, dass ich immer so locker sei. Aber wenn ich auf der Bahn stehe, dann bin ich fokussiert und habe ungemeine Lust, über die Hürden zu rennen.
Solltest Du als eine von zwei deutschen Hürdensprinterinnen für die Hallen-WM nominiert werden, welches Ziel setzt Du Dir?
Rosina Schneider: Wenn ich dort starten sollte, wäre das meine erste Weltmeisterschaft bei den Aktiven. Von der Zeit her kann ich das noch nicht richtig einordnen, will mir auch gar nicht zu viele Gedanken machen. Ich weiß nicht, ob eine Zeit um die acht Sekunden für ein Halbfinale reicht? Sagen wir mal so: Halbfinale wäre schon krass. Das wäre ein Traum. Ich gehe einfach mal davon aus, dass ich dort meine beste Version, vielleicht eine persönliche Bestzeit, auf die Bahn bringe.
Im Sommer steht die Europameisterschaft in Birmingham an.
Rosina Schneider: Da dürfen dann drei Läuferinnen hin. Da sind es dann 100 Meter Hürden, also noch einmal 40 Meter mehr. Da muss ich hinten raus ordentlich treten und schauen, dass ich auch über die letzten Hürden gut komme. Aber ich glaube, dass mir das gelingen wird. Zu was das dann reicht, weiß ich noch nicht.
Neben Marlene Meier ist auch Ricarda Lobe (MTG Mannheim) eine starke Konkurrentin. Motiviert Dich diese nationale Konkurrenz?
Rosina Schneider: Wie schon gesagt, schaue ich auf mich, weil ich mich langfristig bei Europa- oder Weltmeisterschaften behaupten können will. Deshalb darf ich mich nicht nur an der deutschen Konkurrenz messen, sondern ich orientiere mich bei den Meetings mehr an der internationalen Konkurrenz. In Karlsruhe ist Grace Stark neben mir aus dem Startblock geschossen. Irgendwann möchte ich laufen wie die US-Amerikanerin. Das hat mich sehr gezogen.
Vor eineinhalb Jahren warst Du in den USA und Jamaika zum Training. Hast du noch Kontakt zu Christian und Beate Taylor?
Rosina Schneider: Wir sind noch in stetigem Kontakt. Ich profitiere noch immer davon, was mir Beate damals in Florida fürs Hürdentraining mitgegeben hat. Beate und er sind jetzt beim österreichischen Verband, er als Vize-Leistungssportkoordinator und Trainer. Im November waren sie in Stuttgart zu einem Vortrag, Zuletzt hat mir Christian nach den 7,99 Sekunden geschrieben: „You are incredible, we gonna see each other in Torun.“ („Du bist unglaublich, wir sehen uns in Torun.“) Also hofft er, dass ich bei der Hallen-WM laufen werde.
Was hat Ihnen Beate Taylor mitgegeben, was Sie heute noch im Training umsetzen?
Rosina Schneider: Rhythmusübungen.
In Jamaika hast Du unter anderen mit Shelly-Ann Frazer-Pryce trainiert. Besteht auch dorthin noch ein Kontakt?
Rosina Schneider: Tatsächlich auch noch, aber eher zu Reynaldo Walcott, dem Trainer. Obwohl ich mit Shelly-Ann trainiert habe, ist sie für mich nach wie vor unerreichbar. Der Trainer interessiert sich tatsächlich dafür, was ich mache. Wahrscheinlich will er, dass ich wieder einmal rüberkomme. Wen ich hoffe, einmal zu treffen, ist Hürden-Olympiasieger Grant Holloway. Den habe ich, wie auch Siebenkampf-Weltmeisterin Anna Hall, durch Christian und Beate in Florida kennengelernt. Es wäre cool, wenn ich die wieder bei einem Meeting treffen würde.
Was fällt Dir ein, wenn Du an die Trainingseinheiten zurückdenkst?
Rosina Schneider: Das allererste, was mir einfällt, ist, dass Reynaldo Walcott immer gesagt hat: „Get down.“ Immer wenn ich über die Hürden gelaufen bin, hat er „Get down“ gerufen. Damit meinte er, dass mein Schwungbein schneller den Boden berühren sollte. Beim Training in Stuttgart haben wir sehr auf mein Nachziehbein geachtet, in Jamaika hat er sich voll auf mein Schwungbein fokussiert. Das kommt mir jetzt zugute. Wir haben eine Übung im Training, die nennen wir Jamaika. Das ist eine Übung über die Hürden mit kürzerem Abstand, die betont mein Schwungbein.
Im vergangenen Jahr bist Du bei mehreren internationalen Meetings gestartet. Welche Erfahrungen nimmst Du für diese Saison mit?
Rosina Schneider: 2025 war bei mir sehr vollgepackt mit internationalen Meetings, ich hatte auch noch die U23-Europameisterschaft, die Universiade, die Deutschen Meisterschaften. Es war im Sommer sehr sehr viel. Als Erfahrung daraus habe ich gelernt: Rosina, du kannst auch mal nein sagen. Nur weil ich im Frühjahr einem Meetingdirektor einmal zugesagt habe, heißt das nicht, dass ich zwingend im Sommer laufen muss, wenn ich mich körperlich nicht frisch fühle. Nach den vielen Starts fiel es mir auch vom Kopf her schwer. Die Konsequenz: Ich war nicht zufrieden mit mir. Vielleicht hätte ich eher einen Wettkampf weglassen sollen.
Das Nein sagen fällt Dir schwer, weil Du niemanden enttäuschen wolltest?
Rosina Schneider: Ja. Im Nachhinein bin ich aber dankbar, dass ich diese Situation erlebt habe, denn ich weiß jetzt: Rosina, du bist in der Situation zu entscheiden, wie du deine Wettkämpfe gestalten möchtest. Du musst dir keine Gedanken machen, ob der Wettkampfveranstalter sagt, dass ich doch schon zugesagt hätte. Ich bin die Athletin, die entscheiden kann, wo ich starte und wo nicht. Das habe ich schon gemerkt, dass ich manchmal auch nein sagen muss. Dass das auch voll okay ist. Und dass das keine Konsequenzen hat.
Körperliche Erschöpfung kanntest Du sicherlich, aber die mentale war wohl neu?
Rosina Schneider: Ich habe gemerkt, dass ich öfter mal an körperliche Grenze komme. Aber dass ich auch einmal mit dem Kopf an eine Grenze kommen kann, damit habe ich nicht gerechnet. Es war letztes Jahr das erste Mal, dass ich gesagt habe: Was, wieder ein Wettkampf und wieder ein Wettkampf? Eigentlich konnte ich schon nicht mehr. Ich habe gelernt, die Saison ein wenig zu timen, sie mehr zu planen. Zu überlegen: Was macht Sinn? Im letzten Sommer hatte ich ein bisschen einen Hänger.
Wie läuft es in der Leichtathletik-Chaos-WG mit Laura Raquel Müller und Sandrina Sprengel?
Rosina Schneider: Nein, nicht Chaos-WG. Es läuft gut, aber ich sehe die beiden so selten. Wir haben verschiedene Trainingslager, verschiedene Trainingszeiten. Wenn wir uns mal in der Wohnung sehen, dann ist es spät abends. Wir leben zusammen, gehen uns aber keinesfalls auf den Sack. Wir sind drei Profiathleten, jede hat ein Leben auf die Reihe zu bekommen, ist viel unterwegs und wir haben unterschiedliche Berufe. Laura mit der Bundeswehr, Sandrina mit der Polizei und ich mit dem Studium. Wir haben kaum die Möglichkeit, zusammen zu kochen. Jetzt macht jeder so sein eigenes Ding. Wenn wir aber mal zusammen sind, dann wird gequatscht, dann tauschen wir uns ausgiebig aus. Also das ist schon gut.